Buchtipp Erwachsene März 2018

Sandra Hoffmann: Paula

München : Hanser 2017. - 158 Seiten
ISBN 978-3-446-25682-8 fest gebunden : 18.00 Euro

(© Rowohlt)

Wie überlebt man eine Kindheit und Jugend in einem Haushalt, in dem 3 Generationen unter einem Dach leben und die von Sprachlosigkeit und Schweigen geprägt ist?
Paula Haberbosch, 1915 geboren und 1997 gestorben, ist die Hauptperson in dieser Familiengeschichte, die im katholischen Oberschwaben spielt. Sie ist die Großmutter der Erzählerin, die nach deren Tod anhand von Fotografien und aus der Erinnerung des gemeinsamen Lebens heraus eine Art Biographie der Großmutter zusammenträgt. Diese Spurensuche ist schwer, denn die Großmutter ist zeitlebens sehr schweigsam und einsilbig, was ihre Vergangenheit angeht. Die Fragen der Enkelin beantwortet sie zögerlich oder gar nicht. Die Enkelin erinnert sich an ihren Geruch, ihre Kleidung, ihren unerschütterlichen Glauben, wie sie im Fernsehen "Bonanza"' schaute, im Garten arbeitete, Marmelade kochte und wie sie Enkeltochter und Tochter nachspionierte.
Paula erzählt weder ihrer Tochter noch der Enkelin in all den Jahren, wer der Mann ist, den die eine Vater und die andere Großvater nennen würde. Sie schämt sich für den leiblichen Vater und kann der ungewünschten Tochter keine liebevolle Mutter sein. Der Bräutigam, die große Liebe, starb an der Front. Was nach dem Krieg geschah, das unbekannte Leben des anderen Mannes, nimmt Paula mit in ihr Grab. Die fremdländisch aussehende Tochter, die das dunkle Haar ihres Vaters geerbt hat, hat schon lange aufgegeben nach ihrer Herkunft zu fragen. Sie hat sich dem Verdikt ihrer ungeliebten und liebesunfähigen Mutter gebeugt.
Nun versucht die Enkelin diesem Mann anhand alter Fotografien auf die Spur zu kommen. Die Großmutter Paula findet Halt im Glauben und im Schweigen - beides wird für ihre Enkelin zum Angstfaktor: Sie bleibt mit ihren Fragen allein. Doch sie beobachtet weiter, versucht für sich Antworten zu finden und dem Schweigen der Mutter und der Großmutter ein Erzählen entgegenzusetzen. Sie ist der festen Überzeugung, dass es im Leben der Großmutter auch so etwas wie Glück gegeben haben muss, das zeigen fröhliche Bilder aus der Vergangenheit.
Mit "Paula" gelingt der Autorin ein tief berührendes Porträt einer durch den Zweiten Weltkrieg traumatisierten Frau. In einer wunderschönen klaren und eindrücklichen Sprache erzählt sie eine besondere Familiengeschichte, die unter die Haut geht.

Über die Autorin:

Sandra Hoffmann wird 1967 in Laupheim (Oberschwaben) geboren. Nach einer Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin ist sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig. Zwischen 1993 und 1998 studiert sie Literaturwissenschaft, Mediävistik und Italianistik an der Universität Tübingen.
Seit 2003 arbeitet Sandra Hoffmann als freie Schriftstellerin. Von 2003 bis 2013 organisiert und moderiert sie die Lesungsreihe „Buch & Bühne“ am Landestheater Tübingen. 2004 nimmt sie am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Seit 2010 unterrichtet sie am Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale (ZAK) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Sandra Hoffmann schreibt Romane und Erzählungen. Ihr erstes Buch erscheint 2002 „schwimmen gegen blond. eine erzählung in zweiundfünfzig tagen“ (2002) Das nächste Buch „Den Himmel zu Füßen“ (2004) erzählt als „Roman einer Kindheit“ von Zwang und dem Unheimlichen inmitten Schulalltag, Ballettunterricht und Kinderfreundschaften.. „Liebesgut“, (2008), ist ein Buch über die große (vergangene) Liebe. Der nächste Roman „Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist“ (2012) behandelt dagegen die Erinnerungen aus dem Leben eines polnischen Zwangsarbeiters, der als Kind von deutschen Soldaten aufgegriffen und zur Zwangsarbeit auf einem schwäbischen Bauernhof verschleppt wird.
Für ihr Werk hat Sandra Hoffmann mehrere Auszeichnungen bekommen: ein Stipendium des Künstlerhauses Villa Waldberta und der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen (2002); den Förderpreis zum Erik-Reger-Preis und Georg-K.-Glaser-Preis (2005); ein Stipendium des Künstlerhauses Edenkoben (2005); den Mörike-Förderpreis der Stadt Fellbach (2009) sowie den Thaddäus-Troll-Preis (2012).
Die Autorin lebt in München.


Pressestimmen:

"Die Autorin erzählt eindrucksvoll von ihrer tastenden Suche nach einem Glück, das es auch im Leben der Großmutter einmal gegeben haben muss. Sie entwirft eine Biografie, die über das individuelle Schicksal der Reinemachefrau Paula hinausgeht. [...] Eine einfühlsame Familiengeschichte. [...] Ein kluges und berührendes Erinnerungsbuch."
Manuela Reichart, Deutschlandfunk Kultur, 20.10.17

"'Paula' [ist] ein berührendes Stück Zeitgeschichte, in dem die Autorin kunstvoll Realität und Fiktion verbindet und behutsam das Porträt einer Frau zeichnet, die sich im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit gegen immer neue Schicksalsschläge behaupten muss."
Jury-Begründung, Hans-Fallada-Preis, 20.10.17

"Sandra Hoffmann kreist in ihrem neuen Buch „Paula“
 unverhüllt um die eigene Kindheit, um die schwierige Großmutter. Bei aller Innenschau erfährt man dabei auch einiges über unsere Gesellschaft, über Krieg und Traumata."
Antje Weber, Süddeutsche Zeitung

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