Buchtipp für Erwachsene März 2017

Saša Stanišić: Fallensteller : Erzählungen

München: Luchterhand, 2016. – 279 S. – fest geb. : EUR 19.99

(© Luchterhand)

Der Schubart-Literaturpreis 2017 geht mit Saša Stanišić an einen trotz seiner Jugend (38 J.) bereits etablierten Schriftsteller, der 2006 mit seinem autobiographisch gefärbten Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" und natürlich 2014 mit seinem zweiten Roman "Vor dem Fest", für den er den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, Furore gemacht hat. Das Buch schaffte es – eher untypisch für anspruchsvolle Literatur – sogar bis auf die Spiegel-Bestsellerliste. Sein im letzten Jahr erschienener Erzählband "Fallensteller"  hat nach der Jury des Rheingau-Literaturpreises (dotiert mit 11.111 Euro und 111 Flaschen Wein) auch die des Schubart-Literaturpreises (dotiert mit 15.000 Euro, kein Wein) überzeugt.
Es gibt Autorinnen und Autoren, die es regelmäßig auf Bestsellerlisten schaffen, ohne jemals etwas geschrieben zu haben, was die Bezeichnung Literatur wirklich verdienen würde. Und dann gibt es solche, die gleich mit ihrem ersten Buch ein literarisches Kleinod schaffen, obwohl sie es in einer Sprache verfasst haben, die noch nicht einmal ihre Muttersprache ist.
Saša Stanišić ist einer von dieser seltenen Gattung. Da kommt einer 1992 als 14-jähriger bosnischer Bürgerkriegsflüchtling mit seinen Eltern nach Deutschland, macht fünf Jahre später, 1997, mit seinen deutschen Altersgenossen Abitur und studiert Deutsch als Fremdsprache und Slawistik an der Universität Heidelberg. 2004 schließt er sein Studium mit einer Magisterarbeit über den österreichischen Autor Wolf Haas, den Schöpfer der skurrilen Brenner-Romane, ab. 2005 nimmt er mit seiner Erzählung "Was wir im Keller spielen ..." am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teil und erringt dort den Publikumspreis. 2006 debütiert er mit seinem 300-seitigen Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert". Er schafft es damit unter die Finalisten des Deutschen Buchpreises 2006, er erhält dafür den Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2007 und den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2008, der an herausragende deutschsprachige Schriftsteller nichtdeutscher Herkunft verliehen wird. 2008 kommt der Förderpreis des Heimito-von-Doderer-Literaturpreises dazu. "Wie der Soldat das Grammofon repariert" wurde nach Verlagsangaben in 31 Sprachen übersetzt.
2013 setzt Stanišić zum literarischen Höhenflug an: Aus 153 anonym vorliegenden Einsendungen wählt die Jury des Hohenemser Literaturpreises für deutschsprachige AutorInnen nichtdeutscher Muttersprache seinen Romanauszug „Frau Kranz malt ein Bild von Hier“ für den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis aus. Der Auszug stammte aus seinem Buch "Vor dem Fest", das 2014 erscheint und im gleichen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik erhält.
Mit "Vor dem Fest" verlässt Stanišić die Migrationsthematik von "Wie der Soldat das Grammofon repariert" und schreibt als Neudeutscher einen Roman über Urdeutsche, der in einem fiktiven Provinznest in der ostdeutschen Uckermark spielt.                            
Sein neues Buch "Fallensteller" ist kein Roman, sondern eine ziemlich disparate Sammlung von insgesamt zwölf Erzählungen. Die kürzeste davon ist gerade einmal sechs Seiten lang, die längste und titelgebende 88. Sehr unterschiedlich sind die Erzählungen auch deshalb, weil sie zum Teil nicht extra für diesen Erzählband neu geschrieben wurden. Fragmente und frühe Fassungen einzelner Erzählungen sind bereits seit 2005 in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien erschienen und teilweise nur überarbeitet worden. Möglicherweise wollte der Verlag nicht wie beim letzten Mal wieder acht Jahre auf einen neuen Roman warten und die Zeit bis zum nächsten überbrücken.
So unterschiedlich die Erzählungen inhaltlich auch sind, und so weit die Zeitpunkte ihrer Entstehung auch auseinanderliegen, so haben sie alle doch eines gemeinsam, nämlich die originellen, genau beobachteten Sprachbilder und das Sprach-schöpferische. Stanišić brennt in den Geschichten – wie schon in "Vor dem Fest" – richtige Sprachfeuerwerke ab. Man spürt beim Lesen förmlich seine Freude, die er beim Schreiben an gelungenen Bildern, skurrilen Einfällen und Sprachspielereien hat.
Fünf der Erzählungen sind kürzere Einzelgeschichten. Darunter mischen sich zwei Fortsetzungsgeschichten mit je drei Folgen und als Höhepunkt die längste, die dem ganzen Buch den Titel gab.
Im Mittelpunkt der einen Fortsetzungsgeschichte stehen ein Ich-Erzähler und sein Kumpel Mo. Dass es sich bei dem Ich-Erzähler in Wahrheit um eine „sie“ handelt, erfährt man erst im dritten Teil – und auch das nur, wenn man sehr aufmerksam liest, so beiläufig kommt das daher.                             
„Ich und Mo“ treiben wie in einem Schelmenroman allerhand Schabernack: Sie entern ein Floß auf dem Rhein und mischen sich smalltalkend unter die darauf feiernden christlichen Aktivisten, als gehörten sie dazu. Saša Stanišić gelingt mit dieser Erzählung eine bitterböse Satire auf den Personenkreis, der oft mit dem Unwort des Jahres 2015, nämlich als „Gutmenschen“, bezeichnet wird; political correctness ist Stanišićs Sache nicht.
In Stockholm besuchen sie die Vernissage der Ausstellung einer syrischen Malerin und – der Titel der Geschichte sagt es – „Mo klaut ein surrealistisches Gemälde einer syrischen Surrealistin und will es seinem Vater verkaufen, bzw. egal wem“. Während der Vernissage müssen sie sich vom im Rollstuhl sitzenden Ehemann der Künstlerin die schreckliche Geschichte vom Tod der beiden gemeinsamen Kinder durch einen Bombenangriff anhören, um diese beim Herumschnüffeln in der Galerie friedlich schlafend in einem Hinterzimmer zu finden. Am Ende verschlägt es sie völlig unmotiviert sogar bis nach Island und Finnland.
In der zweiten Fortsetzungsgeschichte begleitet der Leser einen Menschen namens Horvath auf seinen Reisen. Dieser soll in Brasilien die Übernahme einer kleinen Brauerei durch den Brauriesen InBev abwickeln. Aufgrund einer Verwechslung am Flughafen und völliger Unkenntnis des Portugiesischen steigt er zum falschen Chauffeur ins Auto und landet nicht bei der Brauerei, sondern irgendwo im Dschungel bei einer Vogelkolonie und einer uralten, deutsch sprechenden Vogelschützerin. Noch auf eine andere Reise begleitet der Leser den Protagonisten: auf eine während der Fahrt durch den Dschungel erinnerte nach Rumänien, bei der sich Horvath in eine Tagung verirrt und nur zwei Wörter, nämlich „kafkaeskul“ und „groteskul“, versteht. Thematisch geht es in diesen drei Geschichten um die Sprachlosigkeit eines Menschen, sobald er den Raum seiner Muttersprache verlässt, obwohl er mit dieser virtuos zu spielen im Stande ist.
Die Keimzelle der längsten Erzählung des Bands, Fallensteller, ist ein Text, den Saša Stanišić 2013 zu einem gemeinsamen Projekt des Frankfurter Literaturhauses und des Museums für Moderne Kunst beigetragen hat. Die Reihe trug den Titel „Acht Betrachtungen“. Dabei schreiben Autoren ausgehend von einem MMK-Kunstwerk eine Betrachtung. Stanišić hatte sich für seinen Text die „Fallen“ des Objektkünstlers Andreas Slominski ausgewählt.
Diesen Text hat er zu einer Erzählung mit 88 Seiten ausgebaut. Wer "Vor dem Fest" gelesen hat, erlebt ein Déjà-vu: Ort der Handlung ist wieder das fiktive uckermärkische Provinznest Fürstenfelde, die dramatis personae dieselben: Lada, der ständig mit seinen Autos in den See fährt, Ulli mit seiner Garagenwirtschaft, der einbeinige Bäcker Zieschke und seine Frau, der ehemalige NVA-Offizier Schramm, später Förster und Schwarzarbeiter bei einem Landmaschinenhändler, der stumme Suzi … Die Erzählung ist das, was man beim Film ein Sequel nennt. Neu in die Handlung kommt ein seltsamer Fallensteller, der verspricht, Fürstenfelde von Mäusen, Ratten, den immer zudringlicheren Wildschweinen und den Wölfen, die in der Gegend wieder heimisch geworden sind, zu befreien. Er fällt nicht nur durch seine altertümliche Bekleidung, sondern auch dadurch auf, dass er in Reimen spricht.
Der Leser erfährt, wie es mit Fürstenfelde nach dem Erscheinen von "Vor dem Fest" weiterging: Der Ort wird nach dem Erfolg des Buchs von radelnden "Literatur-Touristen" überrollt, nachdem „der Schriftsteller hier gewesen ist, der mit dem Buch über uns [...] Ein Jugo war das. Aber ein verweichlichter Jugo, ganz ungewöhnlich. Jugo-Schriftsteller halt".                                
Saša Stanišić nimmt also sich selbst und seinen Erfolg als Schriftsteller ordentlich auf die Schippe. Und wenn er schon dabei ist, auch gleich noch den Literaturbetrieb mit seinem ganzen Preisgewese, von dem er – siehe Schubartpreis und viele andere – selbst schon ganz ordentlich profitiert hat.
Ein weiterer Höhepunkt und satirisches Meisterwerk innerhalb der Erzählung ist auch die Schilderung einer Bürgerversammlung, in der es um die Verluste der Tierhalter durch die eingewanderten Wölfe geht.
In der „Zeit“ vom 12.05.2016 schrieb der Literaturkritiker Ijoma Mangold über "Fallensteller":
„Worin […] [die Kunst] im Falle Saša Stanišić liegt, das lässt sich erfreulich einfach sagen: in seiner Sprache. Das ist keine Sprache am Rande des Sagbaren, dem Schweigen abgerungen, sondern eine, deren Worte wie Milch und Honig fließen. Wer gerne so liest, wie man früher Jazzmusik hörte, nämlich versonnen lächelnd mit dem Kopf mitwippend, wer es also genießt, von seiner Lektüre musikalisch-rhythmisch in Schwingung versetzt zu werden, der ist bei Saša Stanišić Erzählungsband Fallensteller ganz richtig. Seine Syntax hat etwas Verschmitzt-Verspieltes. Es ist ein Buch fürs leise Laut-Mitlesen.“
Und die Zeitschrift Rolling Stone bezeichnete Stanišić als „Poet [..], der seine eigentliche Heimat in der Sprache gefunden hat.“
Beiden Bewertungen kann ich mich nur anschließen.
Am Samstag, 22. April, um 19 Uhr wird Saša Stanišić in der Stadthalle der Schubart-Literaturpreis verliehen, am Sonntag, 23. April, um 11 Uhr wird er am selben Ort aus seinem neuen Buch lesen.


Michael Steffel

 

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