Buchtipp für Erwachsene November 2017

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken


(© kein & aber)

Etan Grien, 41 Jahre alt, steht vor den Trümmern seiner Existenz. Bis vor kurzem war er noch glücklicher Familienvater und Neurochirurg mit glänzenden Zukunftsaussichten an einem renommierten Krankenhaus in Tel Aviv. Doch als er entdeckt, dass ausgerechnet sein Mentor und Chefarzt der Klinik Bestechungsgelder annimmt, zwingen ihn sein Gewissen und seine Selbstachtung, den Vorfall anzuzeigen. Allerdings wird der angesehene Professor nicht zur Rechenschaft gezogen, vielmehr entledigt man sich des „Denunzianten“. Etan wird entlassen und findet sich mit seiner Familie in Beer Scheva, einer kleinen Wüstenstadt wieder. Die dort herrschende Arbeitslosigkeit, die Kriminalität und der allgegenwärtige Staub und Unrat, den der Wind überall hin trägt, sind für ihn der Inbegriff der Trostlosigkeit. Er hadert mit seinem Schicksal, den vielen Überstunden und dem eintönigen Leben, das er und seine Familie gezwungen sind zu führen. Zur Aufmunterung schenkt ihm seine Frau Liat einen Geländewagen, mit dem er beim Rasen durch den Wüstensand etwas Entspannung finden soll.

Eines Nachts, auf dem Heimweg nach einem überlangen Arbeitstag, überfährt er mitten im Gelände einen Mann. Er erkennt sofort, dass dem Sterbenden, ein illegaler Einwanderer aus Eritrea, nicht zu helfen ist und trifft eine folgenschwere Entscheidung: Er, der Arzt mit den hohen moralischen Standards, begeht Fahrerflucht.

Etan will den Vorfall auf jeden Fall geheim halten, auch und vor allem vor seiner Ehefrau, die von Beruf Kriminalbeamtin ist und ausgerechnet mit der Aufklärung dieses Todesfalls betraut wird. Doch schon bald steht Sirkit, die junge Frau des Getöteten vor der Tür. Sie hat den Unfall beobachtet und fand Etans Portemonnaie neben der Leiche ihres Mannes. Sie erpresst ihn. Nicht Geld verlangt sie von ihm, sondern medizinische Versorgung für „ihre Leute“, Flüchtlinge ohne Aufenthaltsrecht, sogenannte Infiltranten, die sich aus Angst interniert zu werden, in kein Krankenhaus wagen.

Fortan verstrickt sich Etan immer mehr in ein Netz aus Lügen. Er stiehlt Medikamente und erfindet Ausreden für sein ständiges Fernbleiben von der Arbeit und seine Abwesenheit zu Hause, um die schwer kranken Flüchtlinge behandeln zu können. Neben der körperlichen Erschöpfung macht ihm vor allem seine wachsende Selbstverachtung zu schaffen. Er erkennt sich nicht wieder. Der mitfühlende Arzt von einst empfindet fast nur Hass und Ekel für seine neuen Patienten. Und auch für Sirkit, die undurchsichtige Erpresserin, die ihn abstößt, zugleich aber auch fasziniert.

All das bleibt Liat natürlich nicht verborgen. Sie vermutet eine Affäre ihres Mannes mit einer anderen Frau. Aber auch sie zieht es vor zu schweigen. Als gebürtige Irakerin aus kleinen Verhältnissen, bedeutet die Ehe mit Etan einen enormen sozialen Aufstieg für sie. Das Bild von der perfekten Familie will sie auf keinen Fall gefährden.

Der jungen Autorin Ayelet Gundar-Goshen ist mit „Löwen wecken“ ein spannender, vielschichtiger Schuld-und-Sühne-Roman gelungen, der aber vor allem durch die präzise Schilderung des Persönlichkeitsverfalls der Hauptperson fesselt. Bis zum unerwarteten Ende gelingt es der praktizierenden Psychologin die Spannung hoch zu halten. Während die Handlung voran schreitet, enthüllen Rückblenden – manchmal auf ein und dieselbe Situation – die Innenansichten  und damit die Zerrissenheit der drei Hauptpersonen Etan, Sirkit und Liat.

Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, studierte Psychologie in Tel Aviv, später „Film und Drehbuch“ in Jerusalem. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie vielfach ausgezeichnet. Bisher erschienen drei Romane von ihr: „Eine Nacht, Markowitz“ (2013), „Löwen wecken“(2015), der zurzeit für NBC zur TV-Serie verfilmt wird und „Lügnerin“ (2017).

 

Sabine Fürst

Stadtbibliothek im Torhaus

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