Buchtipp für Erwachsene Oktober 2017

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Aus d. Engl. von Gertraude Krueger. - 1. Aufl. - Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2017. - 244 S.
EST: The noise of time
ISBN 978-3-462-04888-9 fest geb. : EUR 20.00

(© Kiepenheuer & Witsch)

Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl des Leningrader  Hauses, in dem er mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter lebt, darauf, dass er vom NKWD abgeholt wird. Der Mann ist der berühmte Komponist Dimitri Schostakowitsch und er wartet am Aufzug, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen.

Am 22. Januar 1934 wurde Schostakowitschs zweite Oper Lady Macbeth von Mzensk in Leningrad uraufgeführt. Die Oper wurde vom Publikum und der Kritik begeistert aufgenommen – nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im westlichen Ausland. Zwei Jahre später verließ Stalin eine Aufführung der Oper vorzeitig; kurz darauf, am 28. Januar 1936, erschien in der Prawda unter dem Titel „Chaos statt Musik“ eine vernichtende Kritik. Schostakowitsch wurde Formalismus vorgeworfen, die Oper als „westlich“, bourgeois, dekadent, zu elitär und zu wenig volksnah gebrandmarkt und verboten. Von da an war Schostakowitsch in Lebensgefahr. Noch gefährlicher wurde für ihn die Lage, als 1937 sein Förderer Michail Tuchatschewski, Marschall der Roten Armee und Vizeverteidungsminister, Stalins erster großen Säuberung der Roten Armee zum Opfer fiel und Schostakowitsch wegen seiner engen Bekanntschaft mit dem einstigen Bürgerkriegshelden ins Visier des NKWD geriet. Damit begann für ihn ein Leben zwischen Bangen und Hoffen, zwischen staatlicher Anerkennung und Demütigung.

Man kann Der Lärm der Zeit als biographischen Roman und Künstlerroman lesen. Er ist aber vor allem ein zeitgeschichtlicher Roman über Kunst und Künstler in einem autoritären Staat, der die Deutungshoheit über alle Lebensbereiche für sich beansprucht, also nicht nur über Politik und Gesellschaft, sondern auch über Literatur, Malerei und Musik, die den Absichten des Regimes zu dienen haben – und zwar den häufig wechselnden: Was oder wer gestern gefeiert wurde, wird heute verdammt und (vielleicht) morgen wieder rehabilitiert. Genau so erging es auch Schostakowitsch und seiner Musik.

In dem Roman geht es um ganz existenzielle Fragen wie: Ist es verwerflich, sich der Macht zu beugen oder ihr zumindest Zugeständnisse zu machen, um künstlerisch arbeiten zu können – oder auch nur, um einfach zu überleben? Wie sehr kann ein Mensch sich selbst verbiegen, ohne zu zerbrechen und die Achtung vor sich selbst zu verlieren? In seinem Zwiespalt tröstete sich Schostakowitsch häufig mit den Versen eines russischen Dichters:

Ein gelehrter Mann zu Galileos Zeit
Wusste wie Galileo Bescheid:
Die Erde dreht sich, ganz bestimmt.
Jedoch er hatte Weib und Kind!
Doch wie die Zeit so oft erweist
Ist Unvernunft am Ende gescheit.

 

In ganz dunklen Stunden bedauerte Schostakowitsch es, alle Säuberungen überlebt zu haben: Als ein Freund von ihm, der Direktor des Staatlichen Jüdischen Theaters Moskau, in Stalins Auftrag ermordet wurde, soll er zu den Hinterbliebenen den schockierenden Satz gesagt haben: „Ich beneide ihn.“ Der Tod schien im besser als endloser Terror.

Seine aus seiner Sicht größte Niederlage erlitt er aber erst nach dem Tod Stalins, als Chruschtschow ihn gegen seinen Willen zum Sekretär des Komponistenverbands machte und in diesem Zusammenhang zwang, der KPdSU beizutreten. Er beraubte ihn damit seines letzten, wenn auch nur symbolischen Widerstands, den er während der ganzen Stalin-Ära durchgehalten hatte.

Der Roman zeigt uns mit Schostakowitsch eine innerlich tief zerrissene Persönlichkeit, die darunter leidet, dass sie sich immer wieder von einem verhassten Regime korrumpieren und für seinen Ruhm instrumentalisieren lässt. Er hasst das Zuckerbrot des Regimes nicht weniger als seine Peitsche, weil er die Annahme des Zuckerbrots für Feigheit hält und sich ihrer schämt. Er wäre gerne mehr wie Galileo und weniger wie der gelehrte Mann aus dem oben zitierten Gedicht gewesen, hat es aber nie geschafft.

Das bittere Fazit Schostakowitschs am Ende:

Indem sie ihn leben ließen, hatten sie ihn umgebracht.

Oder mit anderen Worten: Während sie ihm das Leben ließen, haben sie ihm seine Selbstachtung genommen.

Julian Barnes‘ Der Lärm der Zeit ist ein tiefgründiger Roman über das Leben eines Künstlers in einer Diktatur, die keine künstlerische Freiheit zulässt und in der die Kunst völlig im Dienst des Staates zu stehen hat. Trotz der schweren Kost und zahlloser Rückblenden, die den Strang der Haupthandlung unterbrechen, ist es ein gut lesbares Buch.

Es soll noch immer Belletristikleser geben, die der Ansicht sind, dass sich Tiefgang und leichte Lesbarkeit eines Buches gegenseitig ausschließen. Julian Barnes‘ Der Lärm der Zeit ist ein guter Beweis für das Gegenteil.

 

Michael Steffel

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