Buchtipp für Erwachsene September 2017

Edgar Allan Poe: Der Bericht des Arthur Gordon Pym
(© Anaconda)

In Europa gilt der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809-1849), anders als in seiner Heimat, längst als ein Klassiker der Weltliteratur. In den bigotten Staaten hat man sich mit Poes Lebenswandel und dem Inhalt seiner Werke dagegen immer schwer getan. Nachdem sich der früh verwaiste Poe 1830 mit seinem Pflegevater John Allan überworfen hatte, führte er bis zu seinem Tod, dessen Umstände bis heute nicht endgültig geklärt sind, eine prekäre Existenz: Er betätigte sich als Literaturkritiker, Schriftsteller, Redakteur, freier Mitarbeiter und Mitherausgeber von Zeitschriften und wechselte auf der Suche nach einer auskömmlichen Tätigkeit häufig den Wohnort. Alkoholprobleme, die lange Krankheit und der frühe Tod seiner Frau gingen nicht spurlos an seiner Produktivität vorbei. Doch trotz aller finanziellen und persönlichen Probleme wurde Poe zum Begründer der modernen Kurzgeschichte, der Detektivgeschichte und ein führender Vertreter der fantastischen Schauergeschichte.
Bekannt ist Poe in erster Linie für seine Kurzgeschichten, zum Teil auch für seine Gedichte. Nur ein einziges Mal, 1838, hat er sich an einem längeren Prosawerk versucht: The narrative of Arthur Gordon Pym. Poes Erwartung, dass das Buch ein wirtschaftlicher Erfolg wird und seinen Durchbruch als Schriftsteller bringt, erfüllte sich nicht, obwohl er es genau für den literarischen Zeitgeschmack konzipiert hatte, nämlich als populäre Seefahrergeschichte, in der sich die damalige Begeisterung für Forschungsreisen mit einer spannenden Handlung verband. Heute gilt der Bericht des Arthur Gordon Pym als einer der großen Klassiker der Abenteuerliteratur.

Der Roman erzählt die abenteuerlichen Erlebnisse eines jungen Amerikaners während einer mehrmonatigen Seereise. Im Vorwort erklärt der Ich-Erzähler Pym dem Leser, dass er nach der Rückkehr von dieser Reise in antarktische Gewässer einigen Herren, darunter E. A. Poe, von seinen Erlebnissen erzählt und man ihn aufgefordert habe, diesen Bericht der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Anfangs habe er sich gesträubt, weil die Ereignisse auf dieser Fahrt teilweise so unglaubhaft gewesen seien, dass man ihn für einen Phantasten halten könnte. Da habe sich Poe angeboten, mit seiner, also Pyms, Zustimmung diesen Bericht zu schreiben und unter Poes Namen und damit als Fiktion gekennzeichnet zu veröffentlichen. Später habe er dann selbst zur Feder gegriffen, so dass der überwiegende Teil des Berichts letztlich doch von ihm stamme.

Im Juni 1827 versteckt sich der junge Pym mit Hilfe seines Freundes Augustus als blinder Passagier im Bauch des Walfängers „Grampus“. Kapitän des Schiffs ist Augustus' Vater. In der Dunkelheit unter Deck und ohne genügend Wasser und Nahrung fühlt sich Pym wie lebendig begraben und verliert fast den Verstand. Als er schon mit dem Leben abgeschlossen hat und nur noch deliriert, befreit ihn Augustus schließlich aus dem Schiffsbauch, der fast sein Grab geworden wäre: Eine Meuterei, bei der Augustus‘ Vater umgebracht und er selbst gefangen gesetzt wurde, hat ihn daran gehindert, ihn mit Wasser und Essen zu versorgen. Die Meuterer spalten sich schnell in zwei Fraktionen, die sich gegenseitig dezimieren. Augustus, Pym und ihrem neuen Freund, Dirk Peters, einem früheren Meuterer, gelingt schließlich die Rückeroberung des Schiffs, doch ein kurz darauf aufziehender Sturm verwandelt es in ein treibendes Wrack. Etwa drei Wochen harren Pym, Augustus und Peters sowie ein überlebender Meuterer namens Parker auf dem gefluteten Wrack aus, das nur dank der leeren Tranfässer im Laderaum nicht untergeht. Hoffnung auf Rettung kommt auf, als sie ein Schiff sichten, doch umso größer sind die Enttäuschung und das Entsetzen, als sie feststellen müssen, dass es sich um ein Geisterschiff handelt, dessen gesamte Mannschaft tot und schon halb verwest ist. Schließlich werden sie so von Hunger und Durst gequält, dass Parker vorschlägt, auszulosen, wer den anderen als Nahrung dienen soll. Das Los fällt auf ihn selbst. Kurz darauf stirbt auch Augustus an einer Wundinfektion. Pym und Peters werden schließlich von dem Segler „Jane Guy“ von ihrem inzwischen kieloben treibenden Wrack geborgen. Die „Jane Guy“ treibt Handel in der Südsee und jagt Robben. Der Kapitän ist aber auch auf Suche nach unsicher lokalisierten Inseln, um deren genaue Position festzuhalten. Auf der Suche nach ihnen dringt er durch Fahrrinnen im Eis weiter nach Süden vor als alle Segler vor ihm. Schließlich kommen sie in eisfreie Gewässer und wieder wärmere Regionen, wobei sie eine Strömung immer weiter in Richtung Südpol trägt. Dabei stoßen sie auf eine Inselgruppe mit schwarzen Eingeborenen. Die „Wilden“ nehmen die Europäer scheinbar freundlich auf. Pym bleibt jedoch misstrauisch und behält damit recht: Die Inselbewohner locken die Europäer in eine Falle, indem sie die Wände eines tiefen Hohlwegs zum Einsturz bringen, danach den Schoner erobern und die an Bord gebliebenen Wachen töten. Nur Peters und der zum zweiten Mal lebendig begrabene Pym können sich aus dem verschütteten Hohlweg befreien und nach einigen Tagen mit einem Kanu von der Insel fliehen. Von der Strömung werden Peters und Pym in ihrem Kanu immer weiter in Richtung Süden getrieben. Das Meer wird immer heißer, weiße Vögel fliegen umher, es regnet weiße Asche, das Wasser wird milchig und beginnt zu leuchten. Eine weiße Nebelwand kommt immer näher und sie scheinen sich einem Katarakt zu nähern. Die Erscheinungen werden immer fantastischer und als Pym und Peters den Katarakt erreichen, erblicken sie eine schneeweiße, riesige menschliche Gestalt. Damit endet die Geschichte – gerade an der spannendsten Stelle – abrupt.

Warum Poe an dieser Stelle abbricht, darüber lässt sich nur spekulieren. Mangelnde Lust? Eine fehlende Idee für einen Abschluss, der die Leserschaft befriedigt? Oder ein Marketingtrick, um später eine Fortsetzung auf den Markt zu bringen? Dass die Geschichte so nicht enden konnte, war auch Poe bewusst: Er fügt deshalb ein Nachwort an, in dem er, der angebliche „Ghostwriter“ Pyms, das für die Leser unbefriedigende Ende erklärt: Mr. Pym sei plötzlich verstorben und er wolle die noch fehlenden zwei bis drei Kapitel nicht ohne ihn rekonstruieren. Er kündigt aber an, den Bericht Pyms zum Abschluss zu bringen, sollten Aufzeichnungen über die weiteren Ereignisse auftauchen. Er macht den Lesern auch Hoffnung, von dem noch lebenden, aber derzeit nicht erreichbaren Peters die notwendigen Informationen über das Ende des Abenteuers zu bekommen.

Poe packt in seinen Roman eine große Anzahl an „Zutaten“ für einen packenden Abenteuerroman hinein: einen blinden Passagier, Lebendigbegrabensein, eine Meuterei, Mord und Totschlag, Sturm und Schiffbruch, ein Geisterschiff, Kannibalismus, unbekannte Inseln, feindselige Eingeborene und gegen Ende des Buchs zunehmend fantastische Erscheinungen. Gleichzeitig bemüht sich Poe aber regelmäßig, dem Roman den Anstrich eines wahren Berichts zu geben, u. a. durch viele genaue Positionsangaben, durch pseudowissenschaftliche geographische, zoologische und botanische Exkurse bis hin zu einer genauen Beschreibungen, wie ein Segelschiff für seine optimale Seetüchtigkeit gestaut werden muss. Er baut aber auch den einen und anderen Jux ein wie einen Eisbären in der Antarktis. Das Einfügen solcher Passagen war zugleich natürlich ein probates Mittel, um auf Romanlänge zu kommen, schließlich war Poe kein Romanschreiber, sondern Verfasser von Gedichten und Kurzgeschichten.

Der Filmwissenschaftler und Übersetzer Hans Schmid hat über den einzigen Roman Poes einmal geschrieben: „Seit das Buch als ein ernst zu nehmendes Werk entdeckt wurde, hat es ständig neue Interpretationsansätze gegeben. Wenn es stimmt, dass der Rang eines Kunstwerks daran zu erkennen ist, dass der Prozess seines Verstehens nie ein Ende findet, kann Pym zweifellos für sich beanspruchen, ein solches Kunstwerk zu sein.“ Dieser Aussage kann ich mich nur anschließen.

 

Michael Steffel, Stadtbibliothek im Torhaus

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