Buchtipp für Erwachsene Juni 2019

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

1. Auflage. - Berlin : Verbrecher Verlag, 2018. - 266 Seiten
ISBN 978-3-95732-338-5 fest gebunden : EUR 22.00



(© Verbrecher-Verlag)

Zum Roman:

Die Schriftstellerin Resi lebt mit ihrem Mann, dem Künstler Sven und vier Kindern in Berlin. Als sie in den neunziger Jahren nach Berlin zog, war Wohnen dort noch billig. Doch nun erhält sie ein Schreiben des Vermieters, der eigentlich ein Freund ist, dass sie ihre Wohnung räumen müssen. Resi behält diese Information erst einmal für sich, denn ihr ist schnell klar: der Grund für die Kündigung liegt bei ihr.

Resi und Sven haben bei der Baugemeinschaft ihrer Freunde, einem Wohnungsprojekt in einem familienfreundlichen Berliner Bezirk, nicht mitgemacht. Resi hatte in einem Zeitungsartikel über die Gründe und die Folgen geschrieben, über die kleinen Unterschiede, die ungleich verteilten finanziellen Mittel und Ansprüche im Freundeskreis. Schon das hat unter den Jugendfreunden, die alle gemeinsam aus Stuttgart nach Berlin gekommen waren, Empörung und Feindseligkeit ausgelöst. Doch als sie auch noch einen ganzer Roman veröffentlicht, in dem man die Freunde wiedererkennen konnte, ist es zu viel.

Resi arbeitet in ihrer Wohnung in einer winzigen Kammer, die in Berliner Wohnungen normalerweise für die Waschmaschine genutzt wird. Sie beschließt an ihre älteste Tochter, die vierzehnjährige Bea, zu schreiben, denn ihr soll es zumindest intellektuell einmal besser gehen als ihr. Sie ist der Überzeugung, dass sie viel zu spät gemerkt hat, wie der gesellschaftliche Hase läuft.

In einem stummen Zwiegespräch mit der Tochter erzählt sie, wie sie unter dem Schweigen der eigenen Mutter litt, von ihren Freunden und ihrer aller Ideale in den 1980er-Jahren. Alle Menschen sollten gleiche Chancen haben, ganz gleich, aus welchem Milieu sie stammten. Resi selbst stammt aus einem weniger wohlhabenden Hause als ihre Freunde und erkannte bald, dass die angestrebte Gleichheit oft nur ein Lippenbekenntnis der Freunde war. Der Autorin gelingt ein schonungsloser und kluger Blick auf das Elternsein in der heutigen Zeit und gesellschaftliche Zwänge, die nun scheinbar verschwunden sind. Ein atemberaubendes und kluges Buch, das beim Lesen einen Sog entwickelt, dem man sich nicht mehr entziehen kann.

Zur Autorin:

(© Sebastian Willnow)

Anke Stelling, 1971 im schwäbischen Ulm geboren, kam Anfang der 90er-Jahre nach Berlin – nach einigen prekären Jobs und einem Studium am legendären Literaturinstitut in Leipzig. 2004 wurde ihr gemeinsam mit Robby Dannenberg verfasster Roman „Gisela“ verfilmt, 2010 die Erzählung „Glückliche Fügung“. Weitere Veröffentlichungen: „Nimm mich mit“ (2002, gemeinsam mit Robby Dannenberg), „Glückliche Fügung“ (2004) und „Horchen“ (2010).

Der literarische Erfolg ließ auf sich warten. Nach zu wenig beachteten Romanen flog sie bei Agentur und Verlag raus. Inzwischen lebt sie mit Mann und drei Kindern in einer Art Baugruppenprojekt, ihre Bücher haben eine Heimat im engagierten Berliner Verbrecher Verlag gefunden

Anke Stelling stand mit ihrem im Verbrecher Verlag erschienenen Roman „Bodentiefe Fenster“ (2015) auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015. Zudem stand der Roman auf der Hotlist 2015 der unabhängigen Verlage und wurde mit dem Melusine-Huss-Preis 2015 ausgezeichnet. 2017 erschien ihr Roman „Fürsorge“ im Verbrecher Verlag. Dieser Roman "Schäfchen im Trockenen" (2018) wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet.

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