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Buchtipp für Erwachsene 01/2026: Paul Lynch - Jenseits der See

Roman / Paul Lynch ; aus dem Englischen von Eike Schönfeld. - Stuttgart : Klett-Cotta, 2025. - 183 Seiten
Einheitssacht.: Beyond the sea
ISBN 978-3-608-96688-6 Festeinband : 22,00 €

(© Klett-Cotta Verl.)

In ihrer Ausgabe vom 25. Juni 2025 stellte die New York Times die Frage: „Why did the novel-reading man disappear?“ und konstatierte, dass mit ihm auch der „male novel writer“ verschwinde.

 

Ich glaube, die Erklärung dafür ist ziemlich einfach: Männer – das zeigen Erhebungen – lesen weniger Belletristik als Frauen. Und weil Männer weniger Belletristik lesen, veröffentlichen Verlage auch immer weniger Romane von Männern für Männer. Und weil Männer infolgedessen immer weniger „male-friendly content“ in den Buchhandlungen und Bibliotheken finden, lesen sie noch weniger Belletristik. Eine Abwärtsspirale.

 

Männer lesen eher keine Bücher, deren Cover Frauen von hinten im verlorenen Profil in Kleidern des späten 19. Jahrhundert schmücken, wie sie rosenumrankte Gartenpforten öffnen. Oder Bücher, in denen junge Frauen, meistens hippe Großstädterinnen, von einer entfernten Verwandten wahlweise eine kleine Buchhandlung, ein kleines Café oder einen kleinen Teeladen hinter den Dünen oder an der Strandpromenade in einem Provinzkaff geerbt haben. Und wenn sie noch nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Und nach einem harten Anfang glücklich obendrein.

 

Doch gelegentlich gibt es noch Lichtblicke für sich männlich lesende Romanleser. Einer dieser Lichtblicke war im vergangenen Jahr Paul Lynchs Abenteuerroman „Jenseits der See“, erschienen im Juli bei Klett-Cotta – übrigens erst sechs Jahre nach der englischen Originalausgabe. Hätte Lynch nicht für „Das Lied des Propheten“ 2023 den Booker Prize bekommen, wäre „Beyond the sea“ womöglich bis heute nicht ins Deutsche übersetzt.

 

„Jenseits der See“ beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich 2012/2014 zugetragen hat. Im November 2012 wird ein salvadorianischer Fischer namens José Salvador Alvarenga mit einem Begleiter in einem offenen Boot vor der mexikanischen Küste von einem Sturm überrascht und auf den Pazifik hinausgetrieben. Sein Begleiter stirbt nach einigen Wochen auf See; Alvarenga wird über 14 Monate später auf einer der Marshall-Inseln auf der anderen Seite des Pazifik angetrieben.

 

Alvarenga liefert die Vorlage für Bolivar, den Protagonisten in Lynchs Roman. Der hat sich vor Jahren aus guten Gründen aus seiner Heimat El Salvador nach Mexiko abgesetzt und dabei seine Familie (Eltern, Frau, Tochter) zurückgelassen. Trotz eines aufziehenden Sturms fährt Bolivar in Begleitung des völlig unerfahrenen Hector zum Fischen hinaus. Sie schaffen es nicht mehr, rechtzeitig vor dem Sturm von ihrer Fahrt zurückzukehren. Das nach einem Schaden am Motor manövrierunfähige Boot wird auf den Pazifik hinaus-getrieben. Auch der Funkkontakt zum Festland bricht bald ab; eine Suche nach dem Boot bleibt erfolglos und wird nach kurzer Zeit eingestellt. Damit endet die Exposition nach 30 Seiten und die eigentliche Erzählung beginnt.

 

Der Hauptteil zerfällt in zwei deutlich unterschiedliche Teile:

Im ersten Teil dominiert mit der drastischen Schilderung des Überlebenskampfs auf dem Meer die äußere Handlung. Dieser stellenweise brutale Teil endet mit dem Tod Hectors und damit, dass Bolivar dessen Leiche bei beginnender Verwesung über Bord wirft.

 

Im zweiten Teil, in dem Bolivar völlig auf sich selbst zurückgeworfen ist, überwiegt dann die innere Handlung und Bolivars Auseinandersetzung mit seiner Schuld: nicht nur mit der für den Tod Hectors, sondern auch mit dem Schuldigwerden an seinen Eltern, seiner Frau und seiner Tochter in der Vergangenheit durch sein Verschwinden. Er halluziniert ihre Gegenwart und wird von ihnen dessen beschuldigt, was er sich selbst vorwirft.

 

Dem Ende zu wird der Text dann zunehmend bruchstückhaft, so wie auch Bolivar immer weniger von seiner Umwelt wahrnimmt, bis er schließlich an einem Atoll strandet.

 

Lynch macht das alles kompositorisch und sprachlich sehr geschickt. Beim Lesen hatte ich mehr und mehr das Gefühl, als Zuschauer direkt mit im Boot zu sitzen und aus unmittelbarer Nähe zuerst einem Zwei-Personen-Stück und schließlich, nach Hectors Tod, einem Monodrama zuzuschauen. Aufgrund der durchgängigen Einheit von Handlung und Ort und der inneren Monologe erinnert der Roman mehr an ein klassisches Drama als an erzählende Literatur.

 

Bei aller Kürze (der Roman hat nur 180 Seiten), in der aber die Würze des Buchs liegt, ein packender Abenteuerroman und zugleich eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den ewigen menschlichen Themen Versagen, Schuld und Reue.

 

Michael Steffel

 

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