Fernando Aramburu ; aus dem Spanischen übersetzt von Willi Zurbrüggen. - 1. Auflage, Deutsche Erstausgabe. - Hamburg : Rowohlt, 2026. - 295 Seiten ; 21 cm
Einheitssacht.: Hijos de la fábula
ISBN 978-3-498-00396-8 Festeinband : 24,00 €
2016 machte Fernando Aramburu in seiner spanischen Heimat mit dem Roman „Patria“ Furore. In „Patria“ erzählt Aramburu vielstimmig aus Täter- wie aus Opferperspektive vom Schrecken des ETA-Terrors in den años de plomo und von seinen verheerenden Auswirkungen auf die Gesellschaft im spanischen Baskenland. Inzwischen ist „Patria“ in über zwanzig Sprachen übersetzt und wurde von HBO als höchst erfolgreiche Miniserie verfilmt. Wenn eines von Aramburus Werken die Zeit überdauern und es in den Kanon der Weltliteratur schaffen wird, dann „Patria“.
2024 erregte er Aufsehen mit seinem Roman „El niño“ (dt. „Der Junge“, 2025). In „Der Junge“ schildert der seit über 40 Jahren in Hannover lebende gebürtige Baske den ganz unterschiedlichen Umgang einer Mutter, eines Vaters und eines Großvaters mit der Trauer um einen Sechsjährigen, der 1980 mit 49 weiteren Kindern bei einer Gasexplosion in einer Grundschule in der Nähe von Bilbao ums Leben kam. Aramburu war bisher also eher im ernsten Fach unterwegs.
Ich war deshalb sehr überrascht, als ich seinen neuen Roman „Fabula“ in die Hand nahm und die beiden ersten Sätze las:
Wir riechen nach Hühnerscheiße.
Du vor allem.
Schon nach wenigen Seiten wird klar: Aramburu bearbeitet zwar auch hier wieder sein großes Lebensthema ETA, diesmal aber in Form einer Satire, in der zwei verkrachte Möchtegernuntergrundkämper verbissen an einer gescheiterten politischen Ideologie festhalten.
Der Roman spielt im Jahr 2011. In seinem Zentrum stehen die beiden ETA-Aspiranten Asier und Joseba. Versteckt auf einer Hühnerfarm im französischen Baskenland warten sie darauf, für die baskisch-nationalistische Terrororganisation ETA aktiviert zu werden. Daraus wird aber nichts: Die ETA legt die Waffen nieder. „Nix mehr ETA“, verkündet ihnen die Hühnerbäuerin eines Tages nach den Abend-nachrichten im Fernsehen.
Asier und Joseba wollen diese neue Realität aber nicht akzeptieren. Der Kampf soll weitergehen und so gründen sie kurzerhand eine Zwei-Mann-Nachfolge-organisation der ETA – ohne Geld, ohne Kampferfahrung und ohne Waffen. Schießübungen machen sie deshalb auf ihre ganz eigene Weise: mit einem Besen als Gewehrattrappe und einem Klauenhammer als Ersatz für eine Pistole.
Als sich ihr Verbindungsmann nicht mehr meldet und ihnen allmählich das Geld ausgeht, verlassen sie die Hühnerfarm und machen sich zu Wasser und zu Lande auf eine abenteuerliche Reise, die sie zuletzt zurück in die Heimat führt. Unterwegs vergeigen sie noch grandios ein Attentat auf einen franquistischen Obristen im Auftrag von dessen kommunistischer Tochter.
Der Roman erzählt die Geschichte in kurzen Szenen, die – ähnlich wie in „Patria“ oder in „Der Junge“ – sehr dialogisch und fast schon drehbuchartig angelegt sind und förmlich nach einer Verfilmung schreien.
Die Geschichte lebt ganz wesentlich von der Absurdität der Situationen, in die die beiden Protagonisten ein ums andere Mal geraten. Wie Pat und Patachon, wie Dick und Doof, wie Don Quijote und Sancho Pansa stolpern die beiden Simpel in ihrem revolutionären Überschwang durch die Weltgeschichte und machen sich regelmäßig zum Affen. Dazu kommt noch der Gegensatz zwischen dem großspurigen Ideologen Asier, der den Kopf immer in den revolutionären Wolken hat, und dem eher bodenständigen Joseba, der Asier immer wieder erden muss.
Sicher nicht wie „Patria“ oder zwei, drei weitere Romane von Fernando Aramburu weltliteraturverdächtig, aber eine unterhaltsame Satire auf ideologische Verblendung und politischen Fanatismus.
Michael Steffel